Christine Jackob-Marks

IN DER SCHWERE LEICHT

CHRISTINE JACKOB−MARKS IN DER GALERIE KEWENIG, MALLORCA

Vernissage am 21. März 2020; Text: Prof. Manfred Eichel, Berlin

«Die Kunst ist eine Abstraktion: Ziehen Sie sie aus der Natur heraus,
während Sie von ihr trämen.» Die Berliner KÜnstlerin Christine Jackob−Marks ist diesem Rat Paul Gauguins unbewusst immer gefolgt, ob sie nun figürlich oder ungegenständlich gearbeitet, Landschaften oder Himmelsräume, Akte oder Tiere gemalt und gezeichnet hat. Doch gänzlich losgelöst von konkreten Vorstellungen stellt sie nun erstmals in der Galerie Kewenig auf Mallorca aus. Ihre neueren Kompositionen sind pure Assoziationsangebote, ein harmonisches, aber auch dramatisches, freies Spiel von Farben, Formen und Linien. Sie alle zeichnet eine enorme energetische Kraft aus. Es sind, sagt sie, «immer Spontangeschichten», die sie malerisch erzählt, nichts darf gewollt sein». Sie möchte fortwährend ihre eigenen Erfahrungen und Empfindungen ausdrücken. Ihre ganz persönlichen Probleme, aber auch ihre gesellschaftlich−politischen Ängste sollen in ihren Arbeiten mitschwingen. Aber ständig konterkariert sie diese mit Phasen intensiver Glücksmomente. Der Titel ihrer gegenwärtigen Ausstellung spiegelt diese Sicht auf das Leben wider: «In der Schwere leicht» ist, wie belastend die äußeren Umstände auch jeweils sein mögen, die positive, die hoffnungsvolle Bilanz eines Lebens voller Höhen und Tiefen. In London, vor einem Bild Renoirs, beschloss sie, Malerin zu werden − und nicht ans Theater zu gehen, was später ihr Sohn Felix tat. In Paris begann Christine Jackob−Marks ihr Kunststudium. In Berlin, an der Hochschule der Künste, setzte sie es fort. Als sie mit dem Entwerfen einfallsreicher Stoffmuster begann, überredete Prof. Peter Janssen sie, unbedingt von der angewandten Kunst in die freie Malerei zu wechseln. Was ihre Arbeiten von vornherein auszeichnete, war ihr ausgeprägtes Rhythmusgefühl ­ ob sie nun kontemplativ wirkende Felder, lodernde Wälder oder verwüstete Tagebau−Regionen malte. Ob sie berührende Porträts von Tieren, schwungvoll nackte Frauenkörper − oder gar Musik illustrierte, immer durchzog ein kraftvoller Rhythmus ihre Arbeiten. Der weltberühmte, amerikanische Pianist Alan Marks, mit dem sie 13 glückliche Jahre zusammengelebt hat, und dessen Namen sie später ihrem Mädchennamen anfügte, schwärmte von ihrem eigenwilligen, bildlichen Umgang mit Klängen. Denn, so schon Kandinsky, «die Malerei kann in einem einzigen Augenblick den ganzen Inhalt eines Werkes an den Zuschauer, den Betrachter bringen − wozu die Musik nicht fähig ist». Weil sie sich im Verlaufe von Zeit ereignet. In jeweils intensiven, kreativen Augenblicken hat die Künstlerin jetzt ihren neuen Werk−Zyklus geschaffen. Im Laufe der Jahrzehnte hat sie sich oft gehäutet −ständig auf der Suche nach ganz neuen Ausdrucksmöglichkeiten und Bildwelten. Sie steht damit in der Reihe vieler großer Künstler, die sich in oft sehr unterschiedlichen Werkphasen ausgedrückt haben, bevor sie sich gänzlich Neuem zuwandten. Sie haben eben nicht einen einmal erfolgreichen Stil ausgekostet und dann ständig wiederholt, um nicht zu sagen, stehen geblieben sind. Eine einmal abgeschlossene Periode ist dagegen für kreative Geister, und Christine Jackob−Marks ist eine von ihnen, kompromisslos abgeschlossen. Sie wird nicht zu einem ¯ auch nur möglicherweise ¯ wieder erkennbaren Markenzeichen strapaziert. Einen Rückblick in die ungewöhnliche Spannbreite ihrer bisherigen Arbeiten ermöglicht ein opulenter Katalog, den Sie erst vor vier Jahren unter dem Motto «Es muss im Leben mehr als alles geben» im Bielefelder Kerber Verlag herausgegeben hat. Darin wird auch von ihrem Entwurf für das Berliner «Denkmal für die ermordeten Juden Europas» berichtet. 1995 hat sie an der Spitze einer Gruppe junger Künstlerinnen und Künstler mit ihren Skizzen und Modell−Ansichten den ersten Preis eines großen Wettbewerbs gewonnen. Dass er dann auf der Riesen−Fläche neben dem Brandenburger Tor, also mitten in Berlin, doch nicht realisiert worden ist und einer neuen Ausschreibung weichen musste, ist letztlich dem damaligen Bundeskanzler Kohl und einigen Zuflüsterern zuzuschreiben. Christine Jackob¯Marks hat ihren Entwurf bedauerlicherweise beim zweiten Wettbewerbsanlauf nicht noch einmal eingereicht. Aber das Presse¯Echo hat ihren Namen und ihr Werk international bekannt gemacht. Kreativität entsteht auch aus Konflikten. Selbst in der Schwere das Leichte nicht aus dem Blick zu verlieren, schafft eine Kraft, zuweilen auch eine Überlebenskraft. Eine solche möchte die Malerin vermitteln. Gauguins Rat an Künstler kulminiert schließlich in dieser Empfehlung: «Denken Sie mehr an die Schöpfung, an den schöpferischen Augenblick, als an das Ergebnis!»